»Oben und unten sind ohnehin nur eine Verabredung.«

„Wenn man aufhören will, ständig neue Motive zu erfinden, aber trotzdem weiter Bilder malen will, so ist die Umkehr des Motivs die naheliegendste Möglichkeit. Die Hierarchie, in der der Himmel oben und die Erde unten liegt, ist ja ohnehin nur eine Verabredung, an die wir uns zwar gewöhnt haben, an die man aber durchaus nicht glauben muss. Mir geht es grundsätzlich nur um die Möglichkeit, weiter Bilder malen zu können.“

Im eigenmächtigen, freiheitlichen Willensakt der Motivumkehr manifestiert sich die vollkommene Eigengesetzlichkeit der Malerei.

Georg Baselitz, Fingermalerei – Akt, 1972,
Öl auf Leinwand, 250 × 180 cm.
Privatbesitz © Georg Baselitz 2023,
Foto: Jochen Littkemann, Berlin

Durch subtile Blickbeziehungen und Körperhaltungen macht Cranach sichtbar, dass sich hier Bedeutendes ereignet: Ahnungen und Prozesse des Bewusstwerdens schicksalhafter Verstrickungen. Nach damaligem Verständnis stammen alle Menschen von diesem ersten Menschenpaar ab, also auch die Maler (und Malerinnen.

Menschenbilder zu formulieren und über grundsätzliche Fragen anschaulich zu reflektieren, dieses Potenzial hat die Malerei bis heute. Nicht zuletzt die Fähigkeit zur Selbstreflektion des Mediums Malerei. Auch davon „spricht“ diese Ausstellung.

Lucas Cranach d. Ä., Sündenfall: Adam und Eva, 1510/20,
Lindenholz, je 137 × 54 cm. Kunsthistorisches Museum Wien, Gemäldegalerie, Inv.-Nrn. 861, 861a

Die Fingermalereien entstanden unter der Verwendung von Polaroids, die Baselitz und seine Frau Elke gegenseitig voneinander gemacht hatten und die er beim Malen in der linken Hand hielt. Es wäre für ihn ganz unvorstellbar gewesen, Nacktfotos seiner Frau in ein Fotolabor zu geben.

Die Bilder sind nicht mit dem Pinsel, sondern mit den Fingern gemalt. „Was ich damit vermeiden will, ist, dass meine Bilder einen Handschriftcharakter bekommen. (…) Das war Programm für eine Reihe von Bildern gewesen und Schluss, aus.“

Georg Baselitz, Fingermalerei – Weiblicher Akt, 1972, Öl auf Leinwand, 250 × 180 cm. Humlebaek, Louisiana Museum of Modern Art, Schenkung: Georg Baselitz © Georg Baselitz 2023

»Ein Maler der das Malen malt.«

Manisha Jothady, Wiener Zeitung, 24.01.2013

Baselitz überträgt hier seinen Kindheitswunsch nach dunkler Hautfarbe auf seine Frau. Die zärtliche und in großer Freiheit vorgetragene Liebeserklärung ist ein koloristisches und kompositorisches Ereignis. Das Grau des Hintergrundes und das der Büste sind voneinander farblich subtil unterschieden und belebt. Die weiße Hintergrundpartie umfängt die Büste auch am oberen Bildrand, sodass sie wie aus dem Nichts erscheint. Links unten kehren die Farbtöne des Bildes als ungegenständliches Stillleben wieder – zugleich Echo und Quellgrund des Porträts.

Georg Baselitz, Fingermalerei – Schwarze Elke, 1973, Öl auf Leinwand, 162 × 130 cm.
Privatbesitz © Georg Baselitz 2023, Foto: Jochen Littkemann, Berlin

Beide Bilder zeigen ganz unmittelbar die außerordentliche Vertrautheit der Maler mit ihren Frauen. Rubens arbeitete natürlich in einem deutlich engeren Konventionsrahmen, den er souverän bis zum Äußersten dehnte. Um die lebensgroße Darstellung seiner fast nackten Frau zu legitimieren, nutzte er den bekannten Statuentypus der antiken Venus pudica.

Das Pelzchen ist für Baselitz „schlichtweg ein wunderbares Bild. Wenn man so ein Bild sieht, sagt man entweder, ich möchte niemals sterben oder ich sterbe glücklich! Das sind unglaubliche Erlebnisse.“

Peter Paul Rubens, Helena Fourment („Das Pelzchen“), 1636/38, Eichenholz, 178,7 × 86,2 cm.
Kunsthistorisches Museum Wien, Gemäldegalerie, Inv.-Nr. 688

Auf den ersten Blick meint man, vor der Darstellung eines (ungleichen) Liebespaars zu stehen. Dass es sich aber um die nicht nur nach heutigen Begriffen verstörende Geschichte von Lot und seinen Töchtern handelt, macht das im Hintergrund vor der brennenden Stadt sitzende Mädchen klar. Ob der Künstler durch diese in der Tradition des Bildthemas ganz ungewöhnliche Regie auf das Unerhörte der biblischen
Begebenheit verweisen wollte?

Für Baselitz ist übrigens die Zuschreibung an Altdorfer wenig überzeugend, er sieht das Bild eher in der Nähe Cranachs.

Zugeschrieben an Albrecht Altdorfer, Lot und seine Töchter, 1537, Lindenholz, 107,5 × 189 cm.  Kunsthistorisches Museum Wien, Gemäldegalerie, Inv.-Nr. 2923

Hier gibt Baselitz seinen nun wieder mit dem Pinsel gemalten Bildern eine neue Richtung: Die Malerei ist jetzt weniger kompakt, sondern offener, gestischer, schneller. Die Farben bilden einen hell leuchtenden Akkord, aus den flüssigen Partien rinnen sie die Leinwand herab. Die Brisanz, das Feuer des Gemäldes liegt in seiner Malweise, nicht, wie bei Lot und seinen Töchtern, im Bildgegenstand.

Zeichnend wurden die Figuren entwickelt, ihre Raumhaltigkeit kündet vom erwachenden Interesse des Künstlers an bildhauerischen Fragestellungen.

Georg Baselitz, Schlafzimmer, 1975, Öl und Kohle auf Leinwand, 250 × 200 cm.
Privatbesitz © Georg Baselitz 2023, Foto: Jochen Littkemann, Berlin

»Alles ist ein Selbstbildnis, ob es sich um einen Baum handelt oder einen Akt.«

Eine komplexe, tragische Geschichte: Die verbotene Schwangerschaft Callistos wird aufgedeckt, Diana verstößt sie, ein grausames Schicksal droht.

Aktion und Reaktion, Gesten und Blicke, auch aus dem Bild heraus – die dramatische Erzählung hat einen Adressaten, wir sind gemeint. So etwas gibt es bei Baselitz nicht.

Es sind rein innerbildliche Eigenschaften, die die Nachbarschaft dieser beiden Gemälde begründet: die verwandten Farbakkorde, aus denen sie aufgebaut sind und die analoge Anordnung der Hauptfiguren, in ganzer Figur mit ausgestrecktem Arm.

Tizian, Diana und Callisto, um 1566, Leinwand, 183 × 200 cm. Kunsthistorisches Museum Wien, Gemäldegalerie, Inv.-Nr. 71

Die Gemälde von Georg Baselitz haben oft einen introvertierten, hermetischen Grundzug, ganz unabhängig vom Bildgegenstand. Das Mädchen hier ist so sehr Teil des warmen, höhlenartigen Farbraums, in dem sie steht, als sei nicht nur sie mit dem Buch, sondern das Bild als solches sozusagen mit sich selbst beschäftigt.

Die Struktur des Gemäldes ist gleichzeitig offen und präzise, ebenso konzentriert wie frei. „Alles ist ein Selbstbildnis, ob es sich um einen Baum handelt oder einen Akt. Alles, was du wahrnimmst, ist eine Reflexion deiner selbst.“

Georg Baselitz, Das lesende Mädchen, 1979, Öl und Tempera auf Leinwand , 330 × 250 cm.
Privatbesitz © Georg Baselitz 2023, Foto: Jochen Littkemann, Berlin

»Die meisten malen riesige Formate, aus verschiedenen Gründen: Eitelkeit, Überheblichkeit, Demonstration und so weiter. Das ist eine Chance, die heute ein zeitgenössisches Bild hat. In der Zeit der Alten Meister gab es diese Chance nicht.«

Van Ravesteyn ist von 1589 bis 1608 an Kaiser Rudolfs Prager Hof nachweisbar, danach kehrte er wohl in seine niederländische Heimat zurück.

Das Bild steht zwar in der Tradition venezianischer Venus-Bilder von Giorgione und Tizian, aber die körperliche Sinnlichkeit ist bei Ravesteyn derart gesteigert, dass es sich um die Darstellung einer Kurtisane handeln könnte. Dafür spricht auch die Existenz einer weiteren Fassung desselben Modells bei völlig identischem Dekor. In Analogie zur doppelten Dürer-Nymphe bei Baselitz werden hier beide zusammengebracht.

Dirk de Quade van Ravesteyn, Ruhende Venus, um 1608, Eichenholz, 80 × 152 cm. Kunsthistorisches Museum Wien, Gemäldegalerie, Inv.-Nr. 1104

 

Ade Nymphen ist ein phonetischer Abschiedsgruß an Dürer und dessen berühmtes AD-Monogramm. Baselitz zitiert den liegenden weiblichen Akt Dürers (1501, Albertina), eine feinziselierte Federzeichnung, in der Dürer sein kanonisches Figurenschema in lehrbuchartiger Konstruktion vorführt. Baselitz befreit Dürers „Nymphe“ aus ihrem starren Korsett, verflüssigt und verdoppelt sie und stattet das so entstandene Frauenpaar mit sinnlicher Farbigkeit aus.

„Der Deutsche im allgemeinen oder auch ich im besonderen, wir brauchen einen Grund für alles, was wir machen.“

Georg Baselitz, Ade Nymphen, 1998, Bleistift und Öl auf Leinwand, 209 × 162,5 cm.
Privatbesitz © Georg Baselitz 2023, Foto: Jochen Littkemann, Berlin

1809 ließ Napoleon das Bild aus den Wiener Sammlungen in den Louvre verbringen, von dort wurde es 1812 nach Dijon geschickt.

In dieser Fassung wendet uns die Schöne ihre unverhüllte Leibesmitte zu, die sich exakt in der Bildmitte befindet, ihr Gesicht wendet sie ab. In der anderen Fassung ist es umgekehrt. Wer sich näher auf dieses unerhört subtile Wechselspiel der Posen einlässt, wird unweigerlich zum Voyeur. Eine denkbare freie Aufstellung beider Tafeln Rücken an Rücken im Raum würde die unmittelbare Präsenz der Dargestellten suggerieren.

Dirk de Quade van Ravesteyn, Ruhende Venus, um 1608, Eichenholz, 70 × 146 cm. Dijon, Musée des Beaux-Arts, Inv.-Nr. CA 134 © Musée des Beaux-Arts de Dijon/François Jay

Blainville (Normandie) ist der Geburtsort von Marcel Duchamp. Die Landschaft der Umgebung war ein Thema seiner ersten malerischen Versuche.

„Die Malerei wurde ja solange ich male für tot erklärt. Irgendwann dachte ich mir: Du hast jetzt eine Form erreicht, wo du das Ganze mit Humor sehen kannst. Und deshalb habe ich Duchamp als Lüstling dargestellt, der er ja durchaus sein kann.“

Mit diesem zeichenfederleichten Gemälde beweist Baselitz, dass ihm jederzeit und immer wieder neuartige, quicklebendige Bilder möglich sind: Die Malerei lebt!

Georg Baselitz, Im Walde von Blainville, 2000, Öl auf Leinwand, 250 × 200 cm, Privatbesitz.
© Georg Baselitz 2023, Foto: Jochen Littkemann, Berlin

Im Geflirre der Linien erkennt man ein Paar beim Liebesspiel, in der Bildmitte ein kreisrundes Loch. Was steckt hinter dem Bild? Das Rokoko-Mobiliar, auf dem die beiden sich vergnügen, zeigt, dass Baselitz die Komposition französischen Druckgrafiken entnommen hat, mit denen im späten 18. Jahrhundert freizügige erotische Romane illustriert wurden.

Georg Baselitz, Wolkenband, 2000,
Öl auf Leinwand, 250 × 200 cm
Privatbesitz © Georg Baselitz 2023,
Foto: Jochen Littkemann, Berlin

Im Titel verweist Baselitz mit den Initialen „M. D.“ auf Marcel Duchamp. Der Liebesakt mit einer Nackten (wie auch in den weiteren Bildern auf dieser Wand) spielt unübersehbar auf das phasenweise ausufernde Liebesleben Duchamps an.

Baselitz betrachtet ihn als einen Gegner. Duchamp hatte, für Baselitz natürlich völlig inakzeptabel, die Malerei für obsolet erklärt und wurde mit seinen Readymades zu einem der Begründer der Minimal Art. Baselitz verdammt ihn durch seine Bilder dazu, als Figur in dem von ihm für tot erklärten Medium weiterzuleben.

Georg Baselitz, Frisch verliebt – M. D., 1999, Öl auf Leinwand, 250 × 200 cm.
Künzelsau, Museum Würth © Georg Baselitz 2023, Foto: Lothar Schnepf, Köln

Typus und Physiognomie des männlichen Akteurs zeigen mit Blick auf die anderen Bilder dieser Wand, dass es sich auch hier wieder um Marcel Duchamp handelt. Für die Komposition der Gruppe verwendete Baselitz „so ganz blöde erotische Lithografien“. Bei allen Gemälden dieser leicht, frisch und zügig hingemalten Werkgruppe findet sich an zentralster Stelle ein Loch, erzeugt durch eine während des Malaktes hier platzierte Farbdose. „Ein Loch im Bild lässt die Fantasie kreisen wie ein Loch in der Schallplatte, um das die Musik spielt.“

Georg Baselitz, Melodie, 1999, Öl auf Leinwand, 250 × 200 cm
Privatbesitz © Georg Baselitz 2023, Foto: Jochen Littkemann, Berlin

Blainville (Normandie) ist der Geburtsort von Marcel Duchamp. Die Landschaft der Umgebung war ein Thema seiner ersten malerischen Versuche.

„Die Malerei wurde ja solange ich male für tot erklärt. Irgendwann dachte ich mir: Du hast jetzt eine Form erreicht, wo du das Ganze mit Humor sehen kannst. Und deshalb habe ich Duchamp als Lüstling dargestellt, der er ja durchaus sein kann.“

Mit diesem zeichenfederleichten Gemälde beweist Baselitz, dass ihm jederzeit und immer wieder neuartige, quicklebendige Bilder möglich sind: Die Malerei lebt!

Georg Baselitz, Im Walde von Blainville, 2000, Öl auf Leinwand, 250 × 200 cm, Privatbesitz.
© Georg Baselitz 2023, Foto: Jochen Littkemann, Berlin

Im Geflirre der Linien erkennt man ein Paar beim Liebesspiel, in der Bildmitte ein kreisrundes Loch. Was steckt hinter dem Bild? Das Rokoko-Mobiliar, auf dem die beiden sich vergnügen, zeigt, dass Baselitz die Komposition französischen Druckgrafiken entnommen hat, mit denen im späten 18. Jahrhundert freizügige erotische Romane illustriert wurden.

Georg Baselitz, Wolkenband, 2000,
Öl auf Leinwand, 250 × 200 cm
Privatbesitz © Georg Baselitz 2023,
Foto: Jochen Littkemann, Berlin

Im Titel verweist Baselitz mit den Initialen „M. D.“ auf Marcel Duchamp. Der Liebesakt mit einer Nackten (wie auch in den weiteren Bildern auf dieser Wand) spielt unübersehbar auf das phasenweise ausufernde Liebesleben Duchamps an.

Baselitz betrachtet ihn als einen Gegner. Duchamp hatte, für Baselitz natürlich völlig inakzeptabel, die Malerei für obsolet erklärt und wurde mit seinen Readymades zu einem der Begründer der Minimal Art. Baselitz verdammt ihn durch seine Bilder dazu, als Figur in dem von ihm für tot erklärten Medium weiterzuleben.

Georg Baselitz, Frisch verliebt – M. D., 1999, Öl auf Leinwand, 250 × 200 cm.
Künzelsau, Museum Würth © Georg Baselitz 2023, Foto: Lothar Schnepf, Köln

Typus und Physiognomie des männlichen Akteurs zeigen mit Blick auf die anderen Bilder dieser Wand, dass es sich auch hier wieder um Marcel Duchamp handelt. Für die Komposition der Gruppe verwendete Baselitz „so ganz blöde erotische Lithografien“. Bei allen Gemälden dieser leicht, frisch und zügig hingemalten Werkgruppe findet sich an zentralster Stelle ein Loch, erzeugt durch eine während des Malaktes hier platzierte Farbdose. „Ein Loch im Bild lässt die Fantasie kreisen wie ein Loch in der Schallplatte, um das die Musik spielt.“

Georg Baselitz, Melodie, 1999, Öl auf Leinwand, 250 × 200 cm
Privatbesitz © Georg Baselitz 2023, Foto: Jochen Littkemann, Berlin

»So könnte es aussehen in Zukunft.«

David entflammt in Leidenschaft zu Bathseba, die mit seinem Hauptmann Urija verheiratet ist. Die raffinierte, asymmetrische Konstruktion mit der hellen Frauengestalt, dem Spiegelbild ihres Gesichts und dem begehrlich drohenden Blick des Königs erzählt vom Beginn einer abgründigen Geschichte. Das zinnoberrote Leuchten signalisiert Gefahr. Das Kolorit und die komplizierten Blickbeziehungen machten dieses Gemälde für Baselitz interessant. Und nicht zuletzt die Asymmetrie, die auch er in seinem Bild Oberimzinn erzeugte – durch das zuallerletzt aufgebrachte Weiß.

Hans von Aachen, David und Bathseba, 1612/15, Leinwand, 38 × 105 cm.
Kunsthistorisches Museum Wien, Gemäldegalerie, Inv.-Nr. 1094

Im wortspielerischen Titel (im Zinnober) klingt das Trara, das dumme Zeug, der Unfug an, für den das Drachenblut unter den Farben redensartlich steht. Das Bild hat eine besondere Entstehungsgeschichte: Zunächst rhythmisierte Baselitz den dunklen Grund mit der dreifachen, leicht variierten sehr hellen Gestalt seiner Frau, sitzend und bis auf die hohen Schuhe nackt. Dann stellte er das Bild für ein paar Jahre beiseite und überzog es schließlich mit dem strahlenden, gestisch aufgetragenen Zinnober. Und dachte: „So könnte es aussehen in Zukunft.“

Georg Baselitz, Oberimzinn, 2010–2013, Öl auf Leinwand, 260 × 304 cm.
Privatbesitz © Georg Baselitz 2023, Foto: Jochen Littkemann, Berlin

„Wohin“, nicht als Frage, sondern als Feststellung. Die blassen, fragilen Gestalten des Künstlers und seiner Frau – tauchen sie vor dunklem Grund aus gesprühten Farbnebeln auf oder tauchen sie ein? Treten sie auf oder ab? Ist es ein Steigen oder ein Fallen? Wesentliches bleibt in der Schwebe. Die Erscheinung wechselt im Strom der Bilder, die Malerei reißt nicht ab.

Georg Baselitz, Wohin, 2017, Öl auf Leinwand, 305 × 240 cm.
Privatbesitz © Georg Baselitz 2023, Foto: Jochen Littkemann, Berlin

»Ihr naht euch wieder, schwankende Gestalten!
Die früh sich einst dem trüben Blick gezeigt.
Versuch ich wohl euch diesmal fest zu halten?
Fühl ich mein Herz noch jenem Wahn geneigt?«

Goethe

Dieses Meisterwerk schuf Tizian als etwa 80-Jähriger! Im Gegensatz zu seinen früheren Mythologien ist es hier nicht möglich, eine bestimmte Textquelle zu identifizieren. Es scheint, als wolle Tizian keine vorgegebene Erzählung „illustrieren“, sondern aus eigenem, bildkünstlerischem Recht selbst „dichten“. Das macht dieses Gemälde für Baselitz so wichtig. Die Musik verklingt und bei aller Nähe bleibt die Nymphe dem Schäfer fern. Ihr Blick trifft uns. In seiner offenen, unruhigen Malweise handelt das Bild vom Eros als Erinnerung, als Utopie.

Tiziano Vecellio, gen. Tizian, Nymphe und Schäfer, 1570/75, Leinwand, 149,6 × 187 cm.
Kunsthistorisches Museum Wien, Gemäldegalerie, Inv.-Nr. 1825

Mit der Verdoppelung des Amors antwortet Baselitz auf die Paare in dieser Bildergruppe, die von der Paarung (im vielfältigen Wortsinn) handelt. Vom Eros, vom Begehren, aber auch von der Existenz zu zweit und der fragilen Einheit in der Zweiheit. Und zuallererst vom Eros der Bilder, dem Kaiser Rudolf derart verfallen war, dass er diese Kopie anfertigen ließ, obwohl er auch das Original besaß. Genaues Schauen lohnt hier ebenso wie bei den subtil nuancierten Varianten, in denen Baselitz seine Bilderfindungen aus- und immer wieder umformuliert.

(l.) Joseph Heintz d. Ä., Bogenschnitzender Amor, nach 1603, Holz, 135 × 64 cm
Kunsthistorisches Museum Wien, Gemäldegalerie, Inv.-Nr. 1588

(r.) Francesco Mazzola, genannt Parmigianino, Bogenschnitzender Amor, 1534/39, Lindenholz, 135,5 × 65 cm
Kunsthistorisches Museum Wien, Gemäldegalerie, Inv.-Nr. 275

Es ist der eigene, fragmentierte nackte Körper, den Baselitz hier ins Bild setzt. Die Beine deuten ein Schreiten an und die hauchfeine gestufte weiße Farblinie über den Füßen bezeichnet eine Treppe. In Kombination mit dem Titel wird der Bezug auf Duchamps berühmtes Gemälde Akt, eine Treppe herabsteigend (1912, Philadelphia) klar, ein Werk, das sozusagen ikonisch den Ausstieg aus dem Bild, aus der Malerei markiert. Baselitz revidiert diesen für ihn inakzeptablen Schritt, indem er sich das Motiv einverleibt und so Duchamp malend widerlegt.

Georg Baselitz, Abgang mit Marcel, 2016, Öl auf Leinwand, 307 × 257 cm, Privatbesitz © Georg Baselitz 2023, Foto: Jochen Littkemann, Berlin

Der Titel klingt humorvoll, in der Sache ist es Baselitz sehr ernst: „Abarbeiten an einem Gegner“ nennt er seine Auseinandersetzung mit Duchamp. Durch die Okkupation von dessen Bildmotiv und seiner malerischen Weiterentwicklung demonstriert Baselitz die Unzerstörbarkeit der Malerei. Dreifacher Auftritt in ganzer Figur. Das Leuchten der Füße suggeriert ein Näherkommen des Malers aus räumlicher und zeitlicher Tiefe. Es ist, als werde mit einem solchen Bild ein aus mythischer Vorzeit stammender Ewigkeitsanspruch der Malerei unwiderleglich bewiesen.

Georg Baselitz, Lieber Marcel Duchamp, das haben sie doch von Picasso gestohlen!, 2016, Öl auf Leinwand, 410 × 305 cm, Privatbesitz © Georg Baselitz 2023, Foto: Jochen Littkemann, Berlin

Die Zeit verstreicht, das spricht Baselitz im Titel an. Der Maler greift in diesem Bild seine Darstellungen der sitzenden nackten Elke von 1976 wieder auf – vier Jahrzehnte! Bei gesteigertem Format ist das damals kräftige Kolorit nun extrem reduziert. Den Grautönen der Figur wurde Indischgelb beigemischt, ein eigentümliches, fahles Leuchten entsteht. Taucht die Bildgestalt auf oder ist sie im Begriff zu verschwinden? Woher oder wohin? Grundsätzliches bleibt in der Schwebe. Fragilität und Monumentalität gehen eine prekäre Verbindung ein.

Georg Baselitz, Wie es schon einmal war, 2016, Öl auf Leinwand, 300 × 250 cm. Privatbesitz © Georg Baselitz 2023, Foto: Jochen Littkemann, Berlin

Es ist der eigene, fragmentierte nackte Körper, den Baselitz hier ins Bild setzt. Die Beine deuten ein Schreiten an und die hauchfeine gestufte weiße Farblinie über den Füßen bezeichnet eine Treppe. In Kombination mit dem Titel wird der Bezug auf Duchamps berühmtes Gemälde Akt, eine Treppe herabsteigend (1912, Philadelphia) klar, ein Werk, das sozusagen ikonisch den Ausstieg aus dem Bild, aus der Malerei markiert. Baselitz revidiert diesen für ihn inakzeptablen Schritt, indem er sich das Motiv einverleibt und so Duchamp malend widerlegt.

Georg Baselitz, Abgang mit Marcel, 2016, Öl auf Leinwand, 307 × 257 cm, Privatbesitz © Georg Baselitz 2023, Foto: Jochen Littkemann, Berlin

Der Titel klingt humorvoll, in der Sache ist es Baselitz sehr ernst: „Abarbeiten an einem Gegner“ nennt er seine Auseinandersetzung mit Duchamp. Durch die Okkupation von dessen Bildmotiv und seiner malerischen Weiterentwicklung demonstriert Baselitz die Unzerstörbarkeit der Malerei. Dreifacher Auftritt in ganzer Figur. Das Leuchten der Füße suggeriert ein Näherkommen des Malers aus räumlicher und zeitlicher Tiefe. Es ist, als werde mit einem solchen Bild ein aus mythischer Vorzeit stammender Ewigkeitsanspruch der Malerei unwiderleglich bewiesen.

Georg Baselitz, Lieber Marcel Duchamp, das haben sie doch von Picasso gestohlen!, 2016, Öl auf Leinwand, 410 × 305 cm, Privatbesitz © Georg Baselitz 2023, Foto: Jochen Littkemann, Berlin

Die Zeit verstreicht, das spricht Baselitz im Titel an. Der Maler greift in diesem Bild seine Darstellungen der sitzenden nackten Elke von 1976 wieder auf – vier Jahrzehnte! Bei gesteigertem Format ist das damals kräftige Kolorit nun extrem reduziert. Den Grautönen der Figur wurde Indischgelb beigemischt, ein eigentümliches, fahles Leuchten entsteht. Taucht die Bildgestalt auf oder ist sie im Begriff zu verschwinden? Woher oder wohin? Grundsätzliches bleibt in der Schwebe. Fragilität und Monumentalität gehen eine prekäre Verbindung ein.

Georg Baselitz, Wie es schon einmal war, 2016, Öl auf Leinwand, 300 × 250 cm. Privatbesitz © Georg Baselitz 2023, Foto: Jochen Littkemann, Berlin

Auf den Sündenfall der Eltern folgt nach biblischer Logik der Brudermord unter den Kindern.

Eine menschheits-geschichtliche Urszene, in deren Zeichen wir bis heute leben. Wie das Höllenfeuer, in das Orpheus hinabgestiegen ist, lodert hier im Hintergrund das Brandopfer Kains. Manfredis Bild argumentiert gewissermaßen körperlich: Die Leiber der beiden jungen Männer sind aggressiv miteinander verspannt, die in alle Richtungen gereckten Extremitäten sprechen von Angst, Hass und nackter Gewalt.

Bartolomeo Manfredi, Kains Brudermord, um 1615, Leinwand, 152 × 115 cm. Kunsthistorisches Museum Wien, Gemäldegalerie, Inv.-Nr. 363

Extremes wird hier durch Extremitäten angezeigt. Das Vokabular ist dasselbe wie bei den Gemälden darunter, aber die Aussage bleibt vieldeutig in der Schwebe. Das Tragische geht mit dem Grotesken einher: Das Paar trägt die ins Bild eingeklebten Nylonstrümpfe auch an den Armen! Aber – es sind sieben, denn bei aller existenziellen Verlorenheit sind die Beiden untrennbar miteinander verbunden.

„Displaced Person“(DP) ist seit 1943 die offizielle Bezeichnung für Menschen, die durch den Krieg nicht mehr zurück in ihre Heimat, zu ihren Liebsten fanden.

Georg Baselitz, Displaced Persons, 2020, Öl, Dispersionsklebstoff und Nylonstrümpfe auf Leinwand, 295 × 310 cm. Courtesy Gagosian © Georg Baselitz 2023, Foto: Jochen Littkemann, Berlin

Der mythische Sänger Orpheus scheitert bei dem heroischen Versuch, seine an einem Schlangenbiss gestorbene geliebte Gattin Eurydike aus der Unterwelt zu befreien.

„Ich bitte euch nicht, sie mir zu schenken, nur zu leihen.“ (Ovid, Metamorphosen)

Er bezwingt zwar die Götter durch seine Kunst, die Musik, jedoch: Die Bedingung, sich nicht nach der Geliebten umzudrehen, vermag er nicht zu erfüllen. Liebe, Sehnsucht und fatale Seh-Sucht – heftig gestikulierend erkennen die einander Verlierenden sich hier als Displaced Persons.

Giovanni Antonio Burrini, Orpheus und Eurydike, 1695/1705, Leinwand, 120 × 119,5 cm. Kunsthistorisches Museum Wien, Gemäldegalerie, Inv.-Nr. 5762

Seit dem Frühjahr 2020 hat ein neues, überraschendes Element Einzug in die Baselitz-Bilderwelt gehalten: Er kollagiert jetzt Nylonstrümpfe in seine Gemälde. Der Dada-Künstler Kurt Schwitters fasziniert Baselitz schon lange, hier haben ihn aber besonders die Fotomontagen Hannah Höchs inspiriert.

Nylonstrümpfe waren in der Nachkriegszeit regelrechte Fetischobjekte und spielten auch im Film eine große Rolle, etwa bei Sophia Lorens Auftritten in Ieri, oggi e domani von Vittorio De Sica (1963), einem von Baselitz hochgeschätzten Regisseur.

Georg Baselitz, Nylonparade, 2022, Öl, Dispersionsklebstoff und Nylonstrümpfe auf Leinwand, 300 × 400 cm. Privatbesitz © Georg Baselitz 2023, Foto: Jochen Littkemann, Berlin

Den Verheißungen des Körperlichen zu entsagen, war eine der zentralen Lehren des Hieronymus (347–420). „Keuschheit, die noch mehr die Reinheit der Gesinnung als nur die des Körpers bezeugt“, war für ihn nicht nur ein mönchisches Ideal, sondern sollte auch das Zusammenleben von Mann und Frau bestimmen. Hier lauscht er beim Übersetzen der heiligen Schrift der Trompete des Jüngsten Gerichts. Ekstatisch verzückt spreizen sich seine Extremitäten vor dem dunklen Hintergrund und korrespondieren auf groteske Weise mit den Nylonstrümpfen im Bild über ihm.

Guido Cagnacci, Hl. Hieronymus, nach 1659, Leinwand, 160 × 110,5 cm. Kunsthistorisches Museum Wien, Gemäldegalerie, Inv.-Nr. 1665

»Wie kann man Bilder machen? [...]
Appliziert man etwas, klebt man etwas auf, pünktelt man, wischt man oder wandert man nach China?«

Schon 100 Jahre vor Frans Floris haben beim Jüngsten Gericht Maler wie Jan van Eyck, Rogier van der Weyden oder Hans Memling die Verdammten kopfüber in die Hölle stürzen lassen, aber immer als kleine Figuren in großer Zahl. Floris führt das Motiv an einer einzelnen Gestalt monumental vor Augen, die uns durch das Grauen zu einer gottesfürchtigen Lebensführung bewegen soll.

Derlei liegt Baselitz denkbar fern. Aber auf hintergründige Weise klingt durch sein Bild eine existenzielle Verlorenheit, gegen die am ehesten noch der Malakt wappnet.

Frans Floris, Das Jüngste Gericht, 1565, Leinwand, 162 × 220 cm.
Kunsthistorisches Museum Wien, Gemäldegalerie, Inv.-Nr. 3581

Das schattenhafte Aufscheinen der zwei goldenen Gestalten wird durch eine markante farbliche Setzung des Künstlers vor einem Zurücksinken in den schwarzen Grund bewahrt: Die Beine der linken Figur sind in einem unvermittelten Weiß gegeben und so von realerer Präsenz. Der feierliche Farbdreiklang belässt den Motivbestand im Unbestimmten: Nur hauchfein die Andeutung der Bank, und auch die Frage, wer hier eigentlich erscheint, ist kaum zu beantworten. Das Paar oder die gedoppelte Elke?

Kargheit, Spärlichkeit, Entbehrung deutet der Titel an.

Georg Baselitz, Menu militare, 2021, Öl und Goldlack auf Leinwand, 250 × 200cm. Privatbesitz © Georg Baselitz 2023, Foto: Jochen Littkemann, Berlin

Die Leinwand als eine Arena, in der es zu handeln gelte, so beschrieb der Kritiker Harold Rosenberg 1952 den Ansatz des amerikanischen Action Painting. Baselitz spielt hier souverän mit dieser Methode, gibt aber den Gegenstand nicht ganz auf, wie er im Titel deutlich macht.

Die „Schlittschuhläuferin“ ist allerdings gar keine, sondern ein Rückgriff auf eine sitzende Elke von 1974. Wir haben also keine über den See gleitende Eisläuferin vor uns, vielmehr gerät unser ganzes Sehen ins Gleiten, wenn wir uns der freien Struktur des Bildes anvertrauen.

Georg Baselitz, Die Schlittschuhläuferin, 2019, Öl auf Leinwand, 250 × 200 cm. Privatbesitz © Georg Baselitz 2023, Foto: Jochen Littkemann, Berlin